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HW2013 1

 

57 Jahre ist Sepp Schreder alt und seit mittlerweile 44 Jahren ist er bei der Wasserwacht, "aber so etwas", sagt er, "habe ich noch nie gesehen." Wie so viele Feuerwehrleute, THWler und Kräfte anderer Rettungsorganisationen aus unserer Region war der Zwieseler Ortsvorsitzende der BRK-Wasserwacht in den vergangenen Tagen im Katastrophengebiet in Deggendorf im Einsatz − und hat dabei Bilder gesehen und Emotionen erlebt, die er wohl nie vergessen wird.

Von Samstagmittag bis Montagabend waren jeweils sechsköpfige Teams der Wasserwachten Zwiesel und Regen vorwiegend in Fischerdorf und Natternberg-Siedlung unterwegs. Ihre Hauptaufgabe: Menschen, die Hals über Kopf vor den Fluten fliehen mussten, zurück zu ihren Häusern bringen, damit diese sich wenigstens ein Bild von der Situation machen konnten. Die Betroffenen kamen zu einer Sammelstelle bei Natternberg, wurden dort namentlich erfasst und dann in Dreier- oder Vierergruppen mit Motorbooten zu ihren Anwesen transportiert.

 

 Zur Not auch huckepack brachten die Helfer, hier Franz Breu, die Bewohner zu ihren Häusern und wieder zurück zum Boot.
 

Mehr als 100 Fahrten haben Einsatzleiter Schreder und sein Team allein am Samstag absolviert, mit den speziell für flaches Wasser konzipierten Booten, die vom Hochwasserzug Ostbayern 3 zur Verfügung gestellt worden waren. Auf diesen Fahrten haben die Helfer eine Vielfalt von Gefühlsausbrüchen erlebt, von völliger Verzweiflung bis hin zu Erleichterung darüber, dass vielleicht "nur" das Erdgeschoss überflutet war. Denn die Betroffenen hatten in der Regel keine Ahnung, wie schlimm es ihr Haus tatsächlich erwischt hatte.

 

Land unter in Fischerdorf: Bilder wie dieses von einem Gebrauchtwagenhandel boten sich den Helfern im überfluteten Stadtteil.

 

"Manche hatten wirklich nur noch das, was sie am Leib trugen", erzählt Sepp Schreder, "die waren froh, wenn sie wenigstens noch ein paar Wertsachen, Papiere oder trockene Kleidungsstücke aus ihren Häusern holen konnten." Diese Leute fuhren danach gleich wieder mit der Wasserwacht zurück; andere, die in ihrem Haus schon mit dem Aufräumen beginnen konnten, wurden erst abends wieder abgeholt. Anhand der Namensliste wurde kontrolliert, dass auch keiner zurückgeblieben war. Ab 21 Uhr wurde das Katastrophengebiet von der Polizei komplett abgeriegelt.

 Die meisten Flutopfer haben vorübergehend Unterschlupf bei Freunden oder Verwandten gefunden, aber ob und wann sie in ihre Wohnungen zurück können, ist für viele noch unklar. "Ein Mann hat mir erzählt, dass er erst vor fünf Jahren gebaut und einen Haufen Schulden hat − der wusste nicht, wie es weitergehen soll", berichtet Schreder.

In den überschwemmten Häusern sieht es oft noch verheerender aus, als man es von den Fernsehbildern her kennt, hat der Wasserwacht-Chef festgestellt. "Der Schlamm liegt zentimeterdick auf den Kücheneinrichtungen und manche Holzböden sind so aufgequollen, dass sich die Türen nicht mehr öffnen lassen." Ja, des öfteren hätten er und seine Leute verzweifelte Bewohner in den Arm nehmen und Mut zusprechen müssen, so Schreder. "Manche", sagt er, "sind förmlich zusammengebrochen." Sätze wie "i mog nimma", "i kann nimma" hat er oft gehört in diesen Tagen. Insgesamt aber, das war sein Eindruck, waren die meisten Menschen nach der Besichtigung ihrer Häuser eher erleichtert, "einfach, weil sie jetzt wussten, wie sie dran sind".

Die Bootsführer und Wasserretter der Wasserwacht brachten aber nicht nur Betroffene von A nach B, sie bargen auch den einen oder anderen Wertgegenstand und manches Haustier, das sich vor dem Wasser auf Bäume oder in obere Stockwerke geflüchtet hatte. Sogar Zierfische in einem Aquarium brachten die Wasserwachtler zu ihren Besitzern zurück. Allerdings, auch das mussten die Helfer feststellen, haben viele Tiere das Hochwasser nicht überlebt. Mit Schutzhandschuhen fischten die Wasserwachtler diverse tote Katzen, Hühner und andere Vögel aus dem immer noch rund 1,50 Meter hoch stehenden Wasser in den Siedlungsstraßen.

Für die Bootsführer war der Einsatz aber nicht nur mental anstrengend. "Es war auch nicht ganz ungefährlich", sagt Schreder, denn in der dreckigen Brühe waren Hindernisse kaum zu erkennen. Zäune, abgesoffene Autos und viele andere Dinge, die bei einem normalen Bootseinsatz sicher nicht im Weg liegen, galt es zu umschippern. Aber außer ein paar kleinen Remplern gab es keine Zwischenfälle. Die Wasserwacht unterstützte auch die Feuerwehr beim Aufbau der Ölsperren und stellte Wasserretter für mögliche Unfälle auf dem Wasser. Die entsprechenden Aufträge wurden von der örtlichen Einsatzleitung erteilt.

 

Zwiesels Wasserwacht-Ortsvorsitzender Sepp Schreder war am Wochenende als Einsatzleiter für die eingesetzten Helfer der Wasserwacht in Fischerdorf und Natternberg-Siedlung mit dem Motorboot auf Achse.

Mit am meisten beeindruckt hat Sepp Schreder bei diesem außergewöhnlichen Einsatz die Zusammenarbeit der Rettungsorganisationen, die sehr gut funktioniert habe, aber auch das spontane Anpacken vor allem junger Leute beim Aufräumen − und nicht zuletzt die Dankbarkeit der Betroffenen gegenüber den Helfern. Da hielt ein Mann zum Beispiel spontan mit dem Auto an und verteilte Eis an die Wasserwachtler im Boot, sie wurden auch den ganzen Tag über mit Verpflegung versorgt − neben der normalen Helferverköstigung in der Stadthalle. Die Nächte verbrachten die Wasserwachtler in der Pestalozzi-Schule in der Nähe des Deggendorfer Bahnhofs.

"Wenn man vor Ort ist, tut man seinen Job und blendet das Übrige aus", sagt Josef Schreder mit zwei, drei Tagen Abstand, "erst daheim kommt man dann allmählich ins Nachdenken − und ist einfach froh, dass man ein trockenes Bett hat..."